Leichtigkeit entsteht – wo Kontrolle geht

Über Vertrauen, Neurobiologie und die Kunst, das WIE loszulassen.

Ich wollte für diesen Artikel ein persönliches Beispiel finden.
Einen Moment aus meinem Leben, der zeigt, was passiert, wenn man loslässt.
Ich habe nachgedacht. Und nachgedacht. Und nichts kam.

Plötzlich bemerkte ich: Das ist das Beispiel.
Die Kontrolle hält mich so fest, dass sie verhindert, ein Beispiel über das Loslassen der Kontrolle zu finden. Seltsam? Nicht wirklich.

Die Kontrolle drückt sich häufig dadurch aus, in dem sich die Frage nach dem WIE aufdrängt.

  • Wie muss mein (Lebens)Weg aussehen?
  • Wie löse ich Problem XY?
  • Wie habe ich alles im Griff?
  • Wie muss ich funktionieren?
  • Wie, wie, wie…

Je mehr wir an dem WIE festhalten, desto weniger Raum bleibt für das, was sich zeigen und wirklich entstehen will.

In der Arbeit mit Frauen in der Lebensmitte begegnet mir das immer wieder. Dieses Festhalten … im Körper, in Gedanken, in Entscheidungen und vielleicht auch in einer Erschöpfung, die sich hält, obwohl man doch alles richtig zu machen scheint.
Die erste Reaktion darauf ist fast immer dieselbe:
Mehr Kontrolle. Mehr Disziplin. Mehr Struktur. Noch mehr Zusammenreißen.
Das ist menschlich und verständlich.

Was dabei passiert, ist wissenschaftlich gut belegt und den meisten nicht bekannt:
Dieses Festhalten erzeugt Druck, fühlt sich wie Widerstand an. Das wirkt sich körperlich aus. Nicht gefühlt, sondern tatsächlich.

Cortisol und Östrogen entstehen im Körper aus derselben Ausgangssubstanz. Sie heißt Pregnenolon, eine Vorstufe aus Cholesterin. Dieser Vorrat ist begrenzt. Sobald der Körper Stress wahrnimmt, entscheidet er sich für Cortisol. Immer. Das ist Evolution, kein Fehler des Körpers: Überleben kommt vor allem anderen.
Was das konkret bedeutet: Jeder Moment unter Druck verbraucht Substanz, die der Körper für Östrogen bräuchte.
Mehr Stress bedeutet weniger Östrogen, weniger Östrogen bedeutet stärkere Symptome.
Der Versuch, sich zusammenzureißen, verstärkt also das, wogegen man sich zusammenreißt.

Dazu kommt etwas, das in der Neurobiologie gut belegt ist.
Die Amygdala ist der Teil im Gehirn, der für Alarm zuständig ist. Östrogen dämpft diesen Bereich aktiv. Sinkt Östrogen, verliert die Amygdala ihre Bremse. Reaktionen kommen schneller. Dinge fühlen sich größer an, als sie sind. Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, ist in diesen Momenten real, weil ein echter Schaltkreis im Gehirn gerade ohne seine Regulation läuft.
Das ist kein Versagen. Das ist Neurobiologie.

Dr. Michael Nehls, Arzt und Molekulargenetiker, zeigt in seinem Buch „Das erschöpfte Gehirn“ einen weiteren Zusammenhang: Chronischer Stress hemmt die Fähigkeit des Gehirns, sich neue Verbindungen aufzubauen und sich neu zu ordnen. Das Gehirn braucht Raum dafür, keinen Gegendruck. Mit anderen Worten: Loslassen ist keine spirituelle Haltung. Es ist die körperliche Voraussetzung dafür, dass Veränderung möglich wird.

Dr. Lisa Mosconi, Neurowissenschaftlerin an der Weill Cornell Medicine in New York, hat in ihrer Forschung sichtbar gemacht, was viele Frauen intuitiv spüren, aber nicht benennen können: Östrogen wirkt tief im Gehirn … in den Bereichen, die für Stimmung, Gedächtnis und emotionale Regulation zuständig sind. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, verändert sich nicht die Persönlichkeit, jedoch die Art wie Gefühle ankommen und verarbeitet werden. Was viele als Kontrollverlust erleben ist oft das Auftauchen von Klarheit. Eine Klarheit die vorher gedämpft war.

Die Deutsche Menopause Gesellschaft bezeichnet die Perimenopause in ihrer offiziellen Leitlinie als kritisches Fenster. Frauen tragen in dieser Phase ein 2,5-fach erhöhtes Risiko für depressive Erkrankungen gegenüber den Jahren davor. Das zeigt, wie tiefgreifend die Veränderung ist. Gleichzeitig zeigt es, wie entscheidend es ist, diese Phase zu verstehen statt gegen sie zu arbeiten.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin steht diese Lebensphase für das Wasser-Element. Wasser steht für Urvertrauen, für die Fähigkeit zu fließen, statt zu steuern. Wasser hält man nicht fest. Es findet seinen Weg.

Ich glaube, dass unsere Wünsche und alles was uns wichtig ist, erfüllbar ist. Nicht weil wir das WIE perfekt im Griff haben, sondern weil wir es abgeben.
Weil wir aufhören gegen einen Prozess anzukämpfen, der größer ist als jede Willenskraft.
Wenn wir loslassen, was wir nicht kontrollieren können, öffnen sich Wege, die wir uns selbst nie hätten ausdenken können. Das Leben hat Lösungen bereit, die wir vom Fahrersitz aus gar nicht sehen. Nicht das WIE ist entscheidend, sondern das wir wissen, was wir wollen, was wir brauchen, wonach wir uns sehnen. Der Rest darf kommen.
Das klingt einfacher als es ist.
Vielleicht ist der erste Schritt auch nicht das große Loslassen.
Vielleicht reicht es, heute einfach ein bisschen lockerer auf die Dinge zu schauen.


Wenn die Zeilen in dir etwas in Bewegung gebracht haben, bin ich gerne an deiner Seite … im 1:1, in der Gruppe oder im Selbstlernkurs.
In meinem Online-Selbstlernkurs „Wenn dein Inneres wackelt“ begleite ich Frauen durch diese Lebensphase.

🔗 https://alfima.com/meno_mit_nicole/p/von-frauen-fur-frauen-20260501

Nicht weil ich alle Antworten habe, sondern weil ich weiß, dass du sie in dir trägst.
Manchmal braucht es jemanden, der dir hilft, sie zu finden.

Ich freue mich auf dich.
Nicole

 


Quellen

[1] Pregnenolon-Stealing-Effekt | menopause-zentrum.com/lexikon-artikel/pregnenolon

[2] Angst im Klimakterium | Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Schweiz, Springer, 2024

[3] Estradiol modulates amygdala activity during fear extinction | Nature / Translational Psychiatry

[4] Dr. Michael Nehls: Das erschöpfte Gehirn | michael-nehls.de/das-erschöpfte-gehirn

[5] Dr. Lisa Mosconi: Das Gehirn in der Menopause | dtv 2025 | ISBN 978-3-423-26415-0

[6] S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause | Deutsche Menopause Gesellschaft / AWMF (015-062)